Etwas von Michael lebt weiter

Silvia (34) und Guido (39) Fleury
über den Unfalltod ihres Sohnes Michael (9)

Ursula Angst-Vonwiller

Ein tragischer Unfall riss den kleinen Michael aus dem Leben. Die Eltern haben seine Organe zur Transplantation freigegeben. Durch die Möglichkeit, anderen zu helfen, erhält der Tod Ihres Jüngsten einen gewissen Sinn.

 

Silvia: Vor zwei Jahren waren wir noch eine glückliche, fünfköpfige Familie. Doch im August 2000 hatte eine Autofahrerin unsern Michael auf dem Zebrastreifen angefahren.

Guido: Von einem Tag auf den andern waren wir nicht mehr die Gleichen. Wir fühlen alle ein Loch in uns, eine Lücke,  die sehr weh tut.

Silvia: Im ganzen sinnlosen Tod unseres Jüngsten ist die Organspende für uns das Einzige, was ein bisschen Sinn macht.

Guido: Etwas von unserem Michi lebt weiter, abgesehen von all unseren Erinnerungen.

Silvia: Wenn ich an das Unglück denke, kommen auch die Bilder wieder hoch. Mein Blick aus dem Küchenfenster an jenem ersten Schultag nach den Sommerferien auf die Unfallstelle.

Guido: Da hattest du noch keine Ahnung, dass es unsern Michi betraf.

Silvia: Auch als die Polizei anrief, dachte ich höchstens an einen Beinbruch. Michael lag da, scheinbar unverletzt, aber bewusstlos. Viele Leute standen um ihn herum, Polizei, der Dorfarzt. Es war sehr heiss und mir war schlecht. An mehr erinnere ich mich nicht.

Guido: Als Du mich angerufen hast, habe ich bereits den Lärm des Rettungshelikopters durchs Telefon gehört.

Silvia: Als Du kamst, haben wir uns gehalten und waren bei ihm auf der Unfallstelle. Er hat selbständig geatmet. Unsere Tochter Corina lief dauernd mit seinem Fussball herum. Es ging alles so schnell.

Guido: Das Notfallteam hat vor dem Abflug sicherheitshalber damit begonnen, ihn künstlich zu beatmen.

Silvia: Niemand von uns konnte ins Kinderspital mitfliegen, im Helikopter war nicht genügend Platz.

Guido: Wir waren wie gelähmt, konnten nichts essen, obwohl es Mittag war und wir Hunger hatten.

Silvia: Schliesslich hat mein Bruder uns ins Kinderspital Zürich gefahren.

Guido: Dort gingen die grässlich langen Stunden des Wartens weiter. Die Ärzte sprachen von Kopfverletzungen und setzten eine Sonde in Michis Kopf ein, um den Hirndruck zu messen. Aber es bestehe kein Grund zur Sorge, sagte die Ärztin. Immer wieder informierte uns jemand über den Fortschritt der Untersuchungen und fragte, ob wir Hilfe bräuchten, Getränke oder psychologische Unterstützung.

Silvia: Die Ärztin fragte, ob Michael ein intelligentes Kind sei. Das machte mich sehr stutzig und löste Panik bei mir aus. Nur nicht sterben.

Guido: Nach etwa drei Stunden orientierte uns der Oberarzt, dass Michis Chancen zu überleben sehr schlecht seien, und wenn überhaupt, dann nur schwerst behindert.

Silvia: Sein Hirn war zu stark verletzt und dadurch angeschwollen. Immer mehr Körperfunktionen fielen deshalb aus. Die Medikamente halfen nicht.

Guido: Ich wollte sofort zu Michi, um ihn nicht allein zu lassen.

Silvia: Ob er etwas davon mitbekam? Wir wissen es nicht.

Guido: Wir wollten einfach noch alles tun, was wir konnten, nichts verpassen. Wir hielten seine Hand, streichelten ihn, sprachen zu ihm.

Silvia: Wir waren dabei, als er auf die Welt kam, und wollten ihn auch beim Gehen begleiten.

Guido: Das war endgültig zu viel für mich. Die Hitze, ein strenger Arbeitstag und ein leerer Magen; am liebsten wäre ich anstatt oder mit Michi gestorben. Ich fiel in Ohnmacht.

Silvia: Und ich dachte nur an die grösseren zwei Kinder und an meine Mutter. Sie starb, als ich 19 Jahre alt war. Ich bat sie im Stillen, gut für Michael zu sorgen.

Guido: An ein kleines Fünklein Hoffnung klammerte ich mich immer noch. Es durfte einfach nicht sein. Auch schwerstbehindert wollten wir ihn behalten, alles, nur nicht sterben, dachte ich. Ich weiss noch wie Corina immer auf den Bildschirm gestarrt hat und sofort wieder Hoffnung für Michi schöpfte, wenn der Hirndruck ein bisschen herunterging.

Silvia: Michael sah nicht verletzt aus, da waren keine Wunden, kein Blut. Vielleicht wäre es für die Kinder leichter zu verstehen gewesen, wenn sie so etwas gesehen hätten.

Guido: Es waren Sonden da und Schläuche in Michis Kopf, seine Zunge hing aus dem Mund. Dann war er hirntot.

Silvia: Später kam eine Ärztin und sprach uns vorsichtig auf die Möglichkeit an, Michis Organe für eine Transplantation freizugeben. Sie informierte uns sachlich, neutral und sehr behutsam.

Guido: Ich musste nicht lange überlegen. Aber ich wollte zuerst mir dir reden.

Silvia: Mir ging es gleich. Wir hatten als Familie alle Folgen der Fernsehserie "Doku-Soap Kinderspital" gesehen. Auch Michi war sehr beeindruckt gewesen von den schwerkranken Kindern, die auf ein fremdes Organ warteten. Ich wusste, er hätte sich fürs Helfen entschieden.

Guido: Natürlich fragten wir auch Stephan und Corina. Sie fanden beide, das müsse man doch nicht überlegen, Michi sei ja tot, er brauche seinen Körper nicht mehr.

Silvia: Michis Religionslehrerin war auf meine Bitte hin gekommen, um die Geschwister zu betreuen. Auch ein Spitalseelsorger oder ein Kinderpsychologe wären dazu bereit gewesen. Aber ich brauchte bekannte Gesichter um mich herum. Wir bekamen ein Zimmer mit vier Betten, doch schlafen konnten wir nicht. In der Nacht sassen wir an seinem Bettrand, hielten ihn einfach fest. Miteinander reden konnten wir nicht. Wir mussten beide allein durch diese schrecklichen Stunden.

Keine Sekunde bereut

Guido: Ich versuchte, mir alles genau einzuprägen, seine Gesichtszüge, seinen Geruch, die Form der Hände und Füsse. Nie will ich das vergessen!

Silvia: Am Morgen massen die Ärzte zur Sicherheit nochmals Michis Hirnströme. Vergeblich, denn er war tot.

Guido: Für mich war es wichtig, dass alle Michi während der ganzen Zeit als lebenden Patienten behandelt haben und nie als Leiche. Es war schwer, Michi allein im Kinderspital zurück zu lassen. Später meldete sich jemand vom Koordinationsteam für Transplantationen und informierte uns, dass beide Nieren, die Leber und eine Herzklappe transplantiert würden.

Silvia: Am nächsten Tag fuhren wir zwei ins Spital, um Michael ein letztes Mal einzukleiden.

Guido: Zwei grosse Pflaster waren die einzigen Unfall-Spuren. Er sah ganz friedlich aus.

Silvia: Wir haben ihm seinen liebsten Fussballdress samt Fussballschuhen angezogen.

Guido: Nach wie vor ist die Trauer bei uns allen gross. Aber ich habe noch keine Sekunde bereut, dass wir die Organe gespendet haben. Michis Tod wäre mir noch sinnloser erschienen, wenn die Ärzte einfach die Beatmungsmaschine abgestellt und den Totenschein ausgestellt hätten.

Silvia: Einmal bekamen wir eine Zeichnung und einen rührenden Brief, in dem sich jemand bedankt, dass er oder sie jetzt normal leben kann - mit Michis Niere.

 

 

Kids Kidney Care dankt allen Familien, welche den Tod eines geliebten Familienmitglieds zu tragen hatten, jedoch in ihrem Schmerz darüber die Tapferkeit und das Einfühlungsvermögen hervorbrachten und sich entschlossen, mit der Organspende einem unbekannten das Leben zu retten.

 

 

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